3. Platz, 30. Dt. Kurzgeschichtenwettbewerb

Marion Dick:Mit dem Z4 zur Chemo

 

„Ene mene meck, und du bist weg“, Julius kleiner Finger zeigt auf den Opa, der missmutig das Gesicht zusammenkneift. Doch Julius hat einen Joker dabei. „Weg bist du noch lange nicht, sag mir erst, wie alt du bist.“ Da löst sich das Gesicht des Opas, er wackelt mit dem Kopf und tut, als suche er nach der richtigen Antwort. „Einhundertsechsundzwanzig“, sagt er, woraufhin es Julius ist, der eine Grimasse zieht. „So alt wird man doch gar nicht“, gibt er Paroli, doch der Opa stellt sich dumm. Dieses Spiel könnte er ewig spielen. Mein Vater, meine ich.  

Die Geschichte von meinem Vater und mir ist eine Geschichte des Autos. Der älteste Wagen, an den ich mich erinnere, war ein gebrauchter Audi 80 in kartoffelgelb, danach hatten wir einen weinroten Audi 100, mit dem wir nachts in den Sommerurlaub nach Italien fuhren, schließlich einen dunkelblauen A8, da waren wir schon eine ansehnliche Großfamilie und flogen mit der Tui in die Ferien. In der Folge schaffte mein Vater sich einen silbernen Audi TT an, dann einen VW Touareg in beige, weitere SUVs und, für die längste Dauer, einen schwarzen Range Rover, „for Above and Beyond“, wie die Werbung verkündete. Ein Sportwagen steht als Zweitauto immer bereit, das ist sein Spielzeug. Man kann nicht alles erklären – und muss nicht, sagt meine Mutter, für die Nachsicht mit meinem Vater eine Errungenschaft ist, sodass sie für den Rest unserer Geschichte schweigen darf. 

Zwischen dem A8 und dem Audi TT bricht die Zeit auseinander. Ich verlasse die gemütliche Rückbank der lädierten Audis, die heute Oldtimer wären, winde mich aus den behaarten Armen meines Vaters, die mich schlummernd von den Polstern hoben, wenn wir frühmorgens aus der Toskana wieder zu Hause ankamen, auf dem Pflaster der Garagenauffahrt zwischen Buchenhecke und Rosenbeet. Ich steige aus aus der Erinnerung an die Fänge dieser Arme wie ihre Geborgenheit und nehme Platz auf dem Beifahrersitz irgendeiner Luxuskarosse, deren Inneres nach Leder duftet und mit der er erst mich, dann meinen Freund und mich, schließlich meine Kinder und mich vom Bahnhof einer – natürlich –  westdeutschen Kleinstadt abholt.  

Heute bin ich allein angereist, und heute ist es ein Tesla. „Komm am Ende eines Behandlungszyklus, da geht es mir am besten.“ Es ist das erste Mal, dass ich mein Gepäck selbst die Treppe hoch und runter trage, und ich frage mich, ob er es wirklich nicht schafft oder ob er sich wichtig macht. Enkel habe ich heute keine dabei, nur einen kleinen Koffer, der im ausladenden Stauraum von Elon Musks Größenwahn untergeht. Ein Elektroauto, immerhin. „S oder X?“ „Der Y“.  

Mein Vater muss immer vorne mit dabei sein. Der einzige Haken: Weiter vorne ist auch der Tod, und er hat Angst vorm Tod. Ich weiß es, weil er sich seit Jahrzehnten damit beschäftigt. Wie doch alles so schnell verbleicht! In der sichtbaren Welt die Leiber, in der Geisteswelt deren Gedächtnis! Marc Aurels „Selbstbetrachtungen“, vom einstigen römischen Kaiser im Feldlager aufgezeichnet, zwischen Kriegen, Naturkatastrophe und Pandemie, stehen in seinem Bücherregal. Neben Schopenhauer, Nietzsche und Co, den Pessimisten unter den Philosophen. Kindisch aber wäre es doch, vor einem Werk der Natur, das derselben ohnehin auch noch zuträglich ist, sich zu fürchten, schreibt der ehemalige Kaiser, und doch hört mein Vater nicht auf, in den Abgrund zu schauen, als könne man im ständigen Umkreisen der Gefahr die Gefahr tatsächlich bannen.  

Nein, Unendlichkeit wird nicht kommen, aber auch kein unendlicher Tod. 

Ich wusste es, rückblickend wusste ich es, dass er sich von uns entfernt, als ich ihn beim letzten Besuch im Garten sitzen sah, auf einem filigranen Bistrostuhl unterm riesigen Blauglockenbaum, sein Reich überschauend: die Terrasse, den Hang mit den Beerensträuchern und die untere, mit Rasen belegte Ebene, von wo aus man in die Wälder blickt. In der Mitte ein weißer Springbrunnen, auf den verwilderten Wegen ringsum, wie zufällig arrangiert, die Tonscherben einer Vase, Vogeltränken, ein zerbrochener Krug. Und im Gebüsch versteckt eine weibliche Statue, beinahe so groß wie ich, die einem römische Weisheiten zuraunt. Zum Beispiel: Jegliches tun und bedenken wie einer, der im Begriff ist, das Leben zu verlassen, das ist das Richtige.  

Wie klein er auf einmal wirkte in diesem Reich! Merkwürdig geschrumpft hinter verdunkeltem Brillenglas. 

Am nächsten Tag dann, bei unserem letzten Aufenthalt, der Hampelmann in der Ferne, als ich mit den Kindern am Seeufer saß und mit Steinen im Wasser spielte. Sogar Julius, vier Jahre alt, für den jeder Tag unter Menschen noch aus Kuriositäten besteht, guckte angestrengt in die Richtung, aus der sein Opa in Radlermontur ihm winkte, bemüht, einen Zusammenhang herzustellen. Dieses Puzzleteil, das nicht passte, ins Bild einzufügen. Am Ende seiner nachmittäglichen Mountainbiketour von 30 Kilometern bei 30 Grad hatte der Opa, „Above and Beyond“,  noch einen Abstecher zum See hingelegt, aber nicht, um sich darin zu kühlen. Nein, um uns zu winken. Rot und verschwitzt stand er am Drehkreuz des Eingangs zum Seebad und schwenkte den Arm durch die Luft, wie ein am Bahnsteig Verbliebener. Ein Stummfilm in Farbe für Julius. Zwei Stunden später saßen wir alle wieder gemeinsam beim Abendbrot. Ob etwas in ihm etwas ahnte?  

An der Wand in seinem Büro entdecke ich heute unser Poster mit den gefetteten Lettern: Wir geben K keine Chance. Darunter die farbigen Handabdrücke sämtlicher Kinder und Enkelkinder. DIN-A3-Papier würde nicht reichen, soviel war klar gewesen. Das Poster wanderte durch sechs Städte, durchquerte vier Bundesländer und flog zwei Langstreckenflüge, um alle Zauberkräfte einer Muggelgroßfamilie gegen den dunklen Magier einzusammeln. So fasste es Emilia, Julius große Schwester, für den kleinen Bruder zusammen. Jetzt steht ihr Opa auf Gleis Neuneindreiviertel, das überall hinführen kann. 

Die Diagnose: Darmkrebs. Leicht gestreut. Operation, Reha, Chemo. Acht Zyklen. Gift, mehr Gift und noch etwas Gift obendrauf. Nebenwirkungen, Medikamente gegen Nebenwirkungen, andere Nebenwirkungen. Kurze Erholungszeit. Und immer, wenn der Körper aufatmet und denkt, ich darf wieder sein, kommt die nächste Ladung. Krieg im Körper gegen den Tod. 

Kurz, zu einem jeden heißt es einmal: Du bist eingestiegen, gefahren, im Hafen eingelaufen: So steige nun aus!, schreibt Marc Aurel auf seinem Feldbett  zwischen Schlacht und Schlacht. 

Aber heutzutage sei das ja alles viel sanfter. Die Medizin habe sich weiterentwickelt, sagte mein Vater, erhebliche Fortschritte erzielt, bei der Prävention, der Früherkennung, aber auch den Behandlungsmethoden. „Vorsprung durch Technik“, nennt Volkswagen das. Ganz bestimmt, Papa – ich versuchte, ihn zu bestärken. Denn ohne seinen unbezwingbaren Optimismus wäre unser Familienschiff vor Jahrzehnten untergegangen.  

Fünf Zyklen liegen nun hinter ihm und die Grenzen der Medizin tauchen am Horizont auf. 

Bei unserem letzten Telefon ermahnte ich ihn barsch, dass er ein Kämpfer sei, jetzt also ein Überlebenskämpfer. Schwindel? Okay. Bluthochdruck? So what. Drei Mal Notruf mit Einlieferung? Geh doch mal ins Internet, Papa! Das kann man in jedem Chatforum von Betroffenen nachlesen. Und dann drüber lachen. Wenn man sich in so ein Forum traut, du Feigling! Du stirbst nicht, denn wir erlauben das nicht. Und – aber das behielt ich für mich – ich will nicht, dass mein Sohn, der auf seiner ersten gemeinsamen Spritztour mit seinem Opa kein Wort gewechselt hat, jetzt den Glauben an das Wort verliert: „Und, geh`n wir nächstes Mal wieder Auto fahren?“, hatte mein Vater Julius am Ende unseres letzten Besuchs gefragt. Und Julius, dem es im Z4 Coupé „die Summe aller Sinne“ verschlagen hatte, nickte andächtig stumm. Vielleicht sollte man eine Altersbeschränkung für bestimmte Modelle einführen. 

In diesen Tagen meines Besuchs nehme ich kleine Veränderungen wahr. Er bereitet sich winzige Mahlzeiten zu, trinkt Tee statt Kaffee und verschwindet ohne Ankündigung. Sein Büro bleibt unbesetzt und das Mobiltelefon liegt herrenlos auf der Kommode im Flur. Vom Balkon aus erspähe ich ihn schließlich beim Sprengen im untersten Teil des Gartens, dort, wo der Wald beginnt. Sein Schatten fällt lang ins Gras hinter ihm. Wo er gerade hinsehen mag? Ins Wasser, das, Fontänen gleich, aus dem Schlauch spritzt? Oder ins bergende Grün der Blätter? Was flüstert die Frau aus Basalt ihm zu? Das menschliche Leben ist, was seine Dauer betrifft, ein Punkt? 

Ich habe keine Angst vor dem Tod. Keine Angst davor, meinen Vater unter die Erde zu bringen, sein Sterben zu begleiten – ich habe Angst davor, dass es ihm gefällt, nach einem Leben des Aufstiegs, in Wohlstand und Frieden endlich selbst im Schützengraben zu sitzen, an einem dreckigen Ort, Aug in Aug mit dem Tod. Dass die Sehnsucht zu sterben ihn packt wie die Lorelei, sie ist da, sie ist nahbar, die ungeheure Geliebte, er kann sie fast berühren, vielleicht wäre jetzt die Gelegenheit, sich ins dunkle Gewässer gleiten zu lassen und sich, gleichsam schmerzfrei, ihrem Ruf zu ergeben? Sich den Tod zu ermogeln? 

So etwas sieht ihm gleich. Man muss nur einmal dabei sein, wenn er Mensch-ärgere-dich-nicht spielt. Früher hätte ich zornig das Brett vom Tisch gestoßen. Er ist so versessen aufs Rausschmeißen, dass es vorkommt, dass er mit der falschen Farbe zieht, um sein Ziel zu erreichen. Nur seine Enkel schont er, dann geht er zum Beispiel fünf statt vier, um Emilia am Leben zu lassen. Doch schon kurz darauf, wenn er wieder nah auf ist, lässt er durchblicken, dass er nun ruhigen Gewissens umgekehrt aus der gewürfelten Fünf eine Vier machen könnte. So hat er es schon immer verstanden, seine Mitmenschen zu gewinnen – für und gegen sich.  

Aber den Tod kriegt er nicht in die Hand. 

Heute sind keine Enkel da, es gibt keine Gesellschaftsspiele, auch keine Gespräche über unsere Gesellschaft, wie wir sie sonst immer führen, mein Vater braucht Ruhe und Rückzug und begibt sich, zum ersten Mal, seit ich denken kann, zu Bett statt ins Wohnzimmer auf die Couch. Über Jahre nickte er dort vorm Fernseher ein und war mir ein sicherer Lotse vom endenden Tag hinüber in den Schlaf – wie später die Kinder in meinem Arm, deren Müdigkeit sich auf mich legte und mit ins Träumeland zog. Jetzt fühle ich mich erwachsen zwar, doch merkwürdig alleingelassen an der Schwelle zur Nacht. Der gewohnte Abendplausch mit meinem Vater entfällt, und mit ihm die jüngsten Sichtweisen der Philosophie auf die Welt. Er sei einfach erschöpft, sagt er.  

Derweil steht der Tesla im Carport und lädt an der Zapfsäule auf. Irgendwann wird sich vielleicht auch der Mensch nur von Sonnenlicht ernähren?  

Während mein Vater in der Dämmerung frühzeitig schlafen geht, trete ich vor die Tür. Es ist Mai, und die Luft ist lau. Sein gegenwärtiger Zweitwagen, der Z4, parkt in der Auffahrt und wird hundertfach von Grillen angezirpt. Ich betrachte den Wagen, umrunde ihn und lasse meine Hand über die Motorhaube gleiten, so, wie es die fahrenden Göttinnen in der Werbung tun. Komisch, dass niemand am Kotflügel fummelt. Der Z4 zeigt sich kalt. Er blickt mich unverwandt an. Was für ein unverschämtes Design, denke ich – die lange Schnauze, die sagt  „weg da, hier komme ich“, die alle auf Abstand hält, vor sich her drängt oder sich an der roten Ampel über den weißen Haltestreifen schiebt, gesteuert von einem Insassen, der keine unlauteren Mittel scheut, um das Rennen zu machen. Eine Gebärde der Karosserie.  

Ich hasse Autofahren. Ich beherrsche es, dieses Gen hat mein Vater mir vererbt, wie manches andere vielleicht – „Du solltest auch bald zur Vorsorge“, hat er mich heute tagsüber gemahnt. Doch wann immer ich hinterm Steuerrad sitze, höre ich aus den Fahrzeugen um mich herum seine Stimme und wie sie einen treibt. Mein Vater ist nicht nur ein umsichtiger, sondern auch ein herabschauender Verkehrsteilnehmer. Er kommentiert die Schnarcher vor sich, die nicht in die Gänge kommen oder sich scheuen, auf der schnurgeraden Landstraße einen Traktor zu überholen, weshalb er selbst, der patente Steuermann, den Traktor und den Kombi gleichzeitig hinter sich lässt. Er rügt den Träumer, der links auf die Hauptstraße will und nicht endlich auf die Kreuzung fährt, obwohl mein Vater selbst nur rechts abbiegen möchte, weshalb er ihm ordentlich auf die Pelle rückt und sich schließlich an ihm vorbeischiebt, was im Lauf seines Lebens eine stattliche Anzahl Wildblumen am Rand der Felder ihr Leben gekostet hat. Wie gerne würde das Kind in mir innehalten und einen zweiten, längeren Blick auf die Magerbeete am Straßensaum werfen, die leuchtend blauen Kornblumen zwischen den Gräsern, mit den üppigen roten Klecksen des Mohns drum herum. Nur das Jetzt ist es, dessen man beraubt werden kann, weil man nur dieses besitzt. (Marc Aurel, im Schützengraben, keine Wildblume weit und breit.) 

Die Grillen sind jäh verstummt. Leise und langsam nehmen sie ihren Gesang wieder auf. Ich streiche noch einmal mit der Hand über das Blech des Z4, dieses Mal zärtlich. Es ist ein Schicksal, gerade jetzt ein solches Auto zu fahren, darin womöglich zur nächsten Chemo und zurück zu pendeln, vergiftet, abgemagert und appetitlos in diesem Monster der Perfektion zu sitzen, mit Fieber und Übelkeit in der Drei-Tage-Prognose. Der Gedanke befriedet mich trotz seiner Grausamkeit, denn gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass die Schönheit der Welt wiederhergestellt ist. „There`s a crack in everything, that`s how the light gets in.” Wie viel Verwundbarkeit es braucht in der Verteidigung gegen die dunklen Künste! 

„Komm, Papa, wir nehmen den Zetty!“ rufe ich vom Hof ins Haus, bevor es wieder zum Bahnhof geht. Ich habe einen Fernzug zu erwischen, für meinen Vater beginnt heute der sechste Behandlungszyklus. „Gut siehst du aus“, sage ich, und meine es, und drücke den hageren Mann im beigen Pullover mit den Turnschuhen von Lacoste. „Übrigens fahre ich“, trällere ich und wedele mit dem Schlüssel, den ich mir schon vom Board geschnappt habe. Der römische Kaiser verdient einen Chauffeur.  

Am Bahnhof tauschen wir, Schlüssel gegen Gepäck, das er sich auf dem Beifahrersitz unter die Beine geklemmt hat. „Als Nächstes holt du dir einen Nio, okay? Du weißt schon: Blue sky is coming.“ Wir umarmen uns nochmals, fest und lang, dann stehen wir einander gegenüber, Vater und Tochter, und sehen uns an. Er betrachtet mich mit gläsernen Augen, die sühnen und segnen. „Wünsch mir Glück“, sagt er zuletzt. „Alles Glück der Welt“, erwidere ich. Und mein inneres Kind ruft ihm zu:  

Geh auf die Überholspur, Papa, fahr über Rot und brich alle Regeln! 

 

 

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