2. Platz, 30. Dt. Kurzgeschichtenwettbewerb

Yasemin Gurbet: „Unter dem Pflaster

Inzwischen weiß ich, dass eine Rasierklinge die beste Wahl ist. Sie gleitet hauchdünn in die Haut meiner Innenschenkel; nicht zu tief.  Nur so tief, dass es Druck abbaut, das Gewicht von meiner Brust hebt und mir den Atem zurückgibt.

Ich beobachte, wie das Rot aus der Hautspalte hervordringt. Ein kleiner Tropfen löst sich aus der Oberflächenspannung und läuft mein angewinkeltes Bein hinab, als würde er wieder in mich hineinfließen wollen. Ich fange ihn mit der Fingerspitze auf, verstreiche das Blut auf meinem Oberschenkel. Stecke den Finger in meinen Mund, koste von mir. Wie damals. Als ich es mir selbst gemacht hab. Als ich wissen wollte, wie ich schmecke, wenn du mich nimmst und ich gebe.

Diesmal schmeckt mein Innerstes nach Metall. Mein Gesicht und mein Körper fühlen sich endlich entspannt an. Gelassen schlendert meine Atmung neben mir her, während ich die abstrakte Kunst auf meinem Schenkel betrachte. Ein Foto macht es real; der Upload auf meinem privaten Account macht es unauslöschlich. Ich schenke meinem Künstlerdasein, nein: meinem Künstlerinnen-Dasein – ein Lächeln. Caption: Dasein.

Nicht später. Nicht in der Rückschau. Jetzt.

Ich ziehe mich an der alten Kirschholzkommode hoch, die Papa schon in diesem Zimmer stehen hatte, als es noch seins war. Sie hat noch mehr Kerben als meine Beine. Ich erspüre die Rillen und glatten Stellen, bevor ich nach dem Fünfzigerpack Pflaster greife, extra breit. Ich ziehe eines heraus, fummele das Papier ab und setze mich aufs Bett, um es auf den dünnen roten Strich zu kleben. Das Pflaster legt sich auch auf meine alten Narben, umschließt alles Wichtige. Hält mich zusammen.

Es klopft an der Tür; so laut, dass es einen hohen Piepton in meinem rechten Ohr auslöst. Als hätte mein Innenohr erschreckt aufgeschrien. Ich reiße die Hose hoch, die schlaff zwischen meinen Knöcheln hängt und drücke mir die Hand gegen mein Ohr. Es ist, als könnte ich erst jetzt wieder hören. Das Leben um mich herum rauscht plötzlich aus allen Winkeln, in denen eben noch Stille war. Langsam öffne und schließe ich meinen Kiefer, bis der Ton verebbt. Das Klopfen lässt nicht nach, weil Papa nie nachlässt.

„Vicky?“ er klingt genervt. Ich öffne die Tür.

„Warum hast du mir den Namen Viktoria gegeben, wenn du mich eh Vicky nennen wolltest?“ Ich lehne mich mit verschränkten Armen gegen den Türrahmen. Er versucht an mir vorbei in sein altes Kinderzimmer zu sehen.

„Was machst du bei verschlossener Tür?“ Der Argwohn in seiner Stimme treibt mich an. Ich will ihn knacken, ihn zum Schreien, nein, zum Weinen bringen. Wenn ich schon hier leben muss, dann leiden wir beide.

„Ich betreibe einen Puff, Matthias, ein Hurenhaus.“ Er weicht einen kleinen Schritt zurück. Ich weiß nicht, was der größere Schlag war, dass seine ach so liebe Tochter solche Wörter in den Mund nimmt, oder dass ich ihn Matthias statt Papa genannt habe. Ich lächle, er runzelt die Stirn.

„Vicky, was soll das? Wieso führst du dich so auf? Das hätte deine Mutter nicht gewollt.“

Die Enge ist wieder da, wie schwerfällige Lava blubbert sie in meinem Magen, treibt Hitze in meinen Brustkorb, in mein Gesicht. Was fällt ihm eigentlich ein? In mir schreit es.

Was zur verfickten Hölle fällt dir ein??!!

Ich stemme mich mit beiden Armen in den Türrahmen und lehne mich so nah an sein Gesicht, dass ich ihn küssen könnte; oder beißen.

Meine Stimme klingt tief. Wie ein Knurren steigt sie aus meinem Magen herauf. „Einen Scheiß weißt du, was sie gewollt hätte!“ 

Diesmal will ich seine Haut aufreißen, nicht meine. 

„Du kanntest sie schon lange nicht mehr und mich kennst du gar nicht“, schreie ich. Er weicht nicht zurück, obwohl mit meiner Wut auch Spucke auf seiner Wange gelandet ist.

Dass er das hier aushält, dass er mich aushalten will, macht mich rasend.

„Ich hasse dich!“ Meine Stimme überschlägt sich, während das Wasser in seinen Augen kurz zu Eis und wieder zu Wasser wird.

„Und ich liebe dich. Ich habe auch deine Mutter geliebt.“

Er tritt einen Schritt zurück und wendet mir den Rücken zu. 

„Ich stelle Brot und Aufschnitt für dich raus, wenn du noch was essen willst“, sagt er, bevor er die Treppe hinunter geht.

Ich stehe immer noch in der Tür. Atme wie nach einem Dauerlauf. Er hat mich hier zum Trocknen im Wind hängen lassen. Ich wünschte, er hätte mich geschlagen. Wie betäubt schließe ich die Tür und rolle mich auf seinem alten Bett zusammen. Die Tränen kommen von allein.

Neben mir liegt das Fotoalbum, das sie noch im Krankenhaus mit mir gebastelt hat. So richtig analog, ausgedruckt und reingeklebt. Ich ziehe es an mich heran. Umgreife das kantige Buch, wie ein Kuscheltier. Streichle über den Kunstledereinband und schließe die Augen.

Als ich aufwache, ist alles dunkel. Ich blinzle, versuche mich zu orientieren. Spüre ein Stechen in meiner Brust, an der Stelle, in die ich offenbar die Ecke des Albums gedrückt habe. Ich setze mich auf und reibe den schmerzenden Punkt. Vorsichtig taste ich nach dem Handy. Im Dunkeln werde ich den Lichtschalter wahrscheinlich nicht finden, ohne über einen Karton zu stolpern.

Das Display leuchtet auf und eine Push-Nachricht von Insta greift nach mir. Ich bete, dass sie von dir ist, Josie. Bei jeder Mitteilung hoffe ich, dass du dich gemeldet hast. Weil irgendwer dir erzählt hat, was mit mir ist: dass Mama an Krebs gestorben ist; dass ich jetzt bei meinem Erzeuger wohnen muss, den ich seit Jahren nicht gesehen habe; dass ich kaputt gegangen bin. Bei jeder Mitteilung hoffe ich, dass es dir jemand erzählt hat und ich hoffe, dass es dich interessiert. Doch bisher weißt du nichts oder willst nichts wissen. Quasi Schrödingers Interesse. Es ist gleichzeitig da und nicht da, aber könnte jederzeit da sein. Unter dem Pflaster pulsiert es an meinem Schenkel. Dass sich das so gut anfühlt, macht mir ein schlechtes Gewissen. Ich will, dass du es weißt und ich will nicht, dass du es weißt. Quasi Schrödingers Ritzen. 

Durch ein heftiges Schütteln meines Kopfes versuche ich das Gedankenknäuel in meinem Hirn zu lockern und tippe die Nachricht an.

Josephine hat dein Foto kommentiert. 

Ganz sicher läuft gerade kochendes Wasser über meinen Rücken. Ich springe auf, leuchte nach dem Schalter und mache das Licht im Zimmer an. Jetzt brauche ich absolute Klarheit. Ich scrolle und tippe, aber es bleibt dabei. Das Bild von meinem Schenkel habe ich nicht auf meinem privaten Account gepostet, sondern auf unserem Account. Den Account, der brach liegt, seitdem wir unsere Liebe nicht mehr in Fotos feiern.

Ich habe dir einen direkten Hilfeschrei geschickt, ohne es zu wissen oder zu wollen. Mich erfasst eine Übelkeit, die ich bereits im Hals spüre. Ich lese deinen Kommentar nicht, sondern mache das Handy aus, werfe es aufs Bett. Drücke noch das Kopfkissen drauf. Bevor ich es merke, habe ich wieder die Rasierklinge in der Hand. 

Sie funkelt freundschaftlich. 

Langsam lege ich sie ab, trete einen Schritt zurück und öffne das Fenster. Schneidend kalt strömt die Luft ins Zimmer. Die Ohrfeige des Winters tut mir gut. Kleine weiße Wolken kommen aus meinem Mund. Was zur Hölle ist gerade passiert?

Ein dumpfes, langgezogenes Geräusch unterbricht die Stille. Es dauert ein paar Sekunden, bis ich verstehe, dass mein Handy klingelt. Halb erstickt unter dem Kopfkissen. Ich nehme das Kissen zur Seite und sehe deinen Namen aufleuchten. Er wandert wie ein Werbebanner unserer Beziehung über das Display, rhythmisch im Beat der Vibration. Im Hintergrund dein Lächeln, deine blauen Augen, deine Grübchen.

Josephine My Forever Love Herz-Emoji/Flammen-Emoji Josephine My Forever Love Herz-Emoji/Flammen-Emoji Josephine My Forever Love Herz-Emoji/Flammen-Emoji Josephi

Das Vibrieren stoppt. Das Display wird dunkel. Ich schließe das Fenster und warte, dass die Tränen auf meinen Wangen gefrieren. 

Nur einmal noch, ein letztes Mal, um den Schmerz woanders zu fühlen, rede ich mir ein. Diesmal ziehe ich die Hose aus, genieße die Reaktion meiner Haut auf die Kälte. Sie stellt sich stachelig auf, Igelhaut, passt zu meinen Igelgefühlen.

Die Klinge spaltet mein Fleisch und das Versprechen, dass ich nicht halten will. Etwas in mir gibt nach. Ich drücke die Schneide tiefer und ein kleines Stöhnen entweicht meinem Mund. Der Schmerz an meinem Innenschenkel rauscht wie Ströme aus Blut durch meine Adern in meinen Kopf. Doch irgendwas stimmt nicht. Der Raum kippt zur Seite, meine Hand landet im Blut. Das ist sehr viel Blut. Das ist zu viel Blut. Ich versuche mit der Hand auf meinen Oberschenkel zu drücken, doch fehlt mir die Kraft. Neben mir leuchtet etwas auf, dumpf brummt der Boden an meinem Ohr. Mein letzter Gedanke bist du.

Übelkeit, stechender Geruch, Piepen, Schmerzen, mein Hals ist rau. Haut auf Haut. Meine Hand berührt Haut. Ich öffne die Augen.

Ich sehe dein perfektes Profil im Gegenlicht, das durchs Fenster fällt. Du hast deine dunklen Haare hinters Ohr geklemmt, dein Mund glänzt und deine Hand liegt auf meiner. Entweder träume ich oder ich bin tot. Ich hätte mit Mama gerechnet, wenn ich sterbe. Das ist zumindest das, was ich glauben will. Dass sie da ist, wenn mein Dasein aufhört.

Meine bewölkten Gedanken werden davon aufgebrochen, dass du zu mir siehst. Du stehst auf, drückst meine Hand und setzt dich neben mich auf die Bettseite. Das Anstoßen meines Beins schickt eine Glutwelle durch meinen Oberschenkel, aber ich will trotzdem nicht, dass du auch nur einen Zentimeter zwischen uns lässt. Ich lecke mir über die Lippen. Sie fühlen sich an wie Sandpapier.

Du lächelst. Wenn ich nicht tot bin, sterbe ich gleich. Dein Lächeln saugt die Luft aus dem Raum.

Ich brauche einen Moment, um zu kapieren, dass die tiefe Stimme nicht deine ist, dass Papa auch hier ist und Mama nicht mehr. Alles sickert leise in mich hinein, verdrängt die Wolken.

Papa steht auf der anderen Seite. Er hat wieder Wasser in den Augen. Steht da wie ein Fragezeichen. Alles an ihm fragt etwas, das ich nicht verstehe. Ich glaube er auch nicht.

Mit dem Handrücken wischt er sich über die Augen. Ich höre „Kaffee“. Du nickst und er geht aus dem Raum.

Mit den Fingerspitzen streichelst du über meine Wange.

„Ich bin so froh, dass du lebst, Viktoria,“ flüsterst du. Nur du nennst mich nicht Vicky, weil du zugehört hast, als ich dir sagte, dass ich Vicky nicht mag. Dass ich nicht Vicky bin. 

Ich bin keine Abkürzung. Nicht klein. Nicht süß. Ich will stark sein, in voller Länge und Fülle, eine Siegerin, eine Viktoria, habe ich dir gesagt und du hast gelacht und den Kopf geschüttelt. Mich niemals mehr Vicky genannt.

Da sind plötzlich Tränen auf deinen Wangen, die ich auffangen will, für später, wenn du nicht mehr da bist, aber ich habe kein Gefäß und keine Kraft in den Armen. Du wischst die Tränen weg, achtlos. Das macht mich traurig. Sanft gibst du mir einen Kuss, auf die Lippen und ich hoffe, dass ich keinen Mundgeruch habe, dass meine Lippen sich nicht zu sandig anfühlen, wo deine immer samtig sind.

„Als ich das Foto gesehen hab‘, das du gepostet hast, hab‘ ich Angst gekriegt und dich angerufen. Du bist nicht rangegangen und ich bin durchgedreht.“ Du ziehst den Atem ein. Ich will wissen, wie die Geschichte weitergeht, weil es sich nicht wie meine anfühlt.

„Und dann?“

„Dein Vater hat dich gefunden, gerade noch rechtzeitig. Er hat mich aus dem Krankenhaus zurückgerufen, als er meine vielen Anrufe auf deinem Handy gesehen hat.“

Die Wolken überziehen wieder meinen Geist. Ich kann kaum noch meine Augenlider offenhalten. 

„Wir besprechen alles, wenn du hier raus bist. Ich gehe nicht weg, ja? Wenn du willst, dass ich bleibe?“

Ich nicke, weil ich gerade nicht mehr weiß, wie man spricht.

Nach zehn Tagen darf ich gehen. Du schickst Papa aus dem Zimmer, um dir von der Schwester zeigen zu lassen, wie man den Verband an meinem Oberschenkel wechselt. Wenn du konzentriert bist, bekommst du immer eine kleine Falte zwischen den Augenbrauen.

Als ich in Papas altes Zimmer komme, sehe ich, dass jemand den Boden gewischt hat. Auch wenn das Holz mein Blut aufgesogen hat, ist der Fleck überraschend hell. Du hast ein kleines Poster aufgehängt von Alin Coen. Ich humpele zu dir und umarme dich von hinten, atme den Duft deiner Haare. Das fühlt sich an wie Glück.

Du drehst dich in meiner Umarmung, dein Gesicht ist nun direkt vor meinem, ich sehe förmlich, wie die Worte, die du nun so lange zurückgehalten hast, während du im Krankenhaus mit mir Filme gesehen, mir aus dem Bett geholfen, mir etwas zu trinken geholt hast, aus dir herauswollen. Du hast die Worte in deinen Rückenwirbeln gestapelt, bis sie dir nun genau jetzt aus dem Mund herausfallen.

„Viktoria, wolltest du dich umbringen?“

Der Satz hängt zwischen uns. Aufgespannt zwischen unseren Nasen, baumelt er am Abgrund.

„Nein“, ist mein erster Impuls. Ich weiß es nicht, mein nächster, aber den spreche ich nicht aus. 

Ich sehe Zweifel in deinen Augen.

„Ich habe echt Scheiße gebaut. Das mit dem Ritzen wieder anzufangen, war echt beschissen, aber ich wollte nicht tot sein. Echt nicht. Ich wollte nur…“ Ich weiß nicht, wie der Satz weitergeht, deshalb lasse ich ihn unvollendet. 

Du lehnst deine Stirn an meine und flüsterst. „Du musst damit aufhören, ja? Versprich mir das.“

Ich nicke und schlucke die Tränen in meinem Rachen runter.

„Und du musst zur Therapie, ok?“

Ich nicke wieder und küsse dich auf die Wange.

Als Papa klar wird, dass wir nicht nur Freundinnen sind, weiß er nicht so richtig, was er machen soll. Es ist fast rührend, wie das Einmaleins von „Offenen-Türen“ und „Keine-Übernachtungen-von-Jungs“ plötzlich keinen Sinn mehr zu machen scheint. 

„Immerhin können wir nicht schwanger werden“, sage ich und er kratzt sich am Kopf, bevor er verschämt mit den Achseln zuckt und uns in Ruhe lässt.

Du setzt dich aufs Bett und ich lehne mich an dich an. Du willst das Album sehen, das Mama und ich gemacht haben, während sie die Chemo bekam.

Es sind auch Bilder von dir, die dich zum Lachen bringen.

Auf der letzten Seite ist kein Foto, nur Mamas Schrift. Jedes Mal, wenn ich mir das Album bis zum Ende anschaue, lese ich mir die Worte laut vor. Jetzt lese ich dir vor, was in Mamas geschwungenen Buchstaben auf der letzten Seite steht:

„Versprich mir genug zu leben für uns beide, mein Kind. Lebe.“

 

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