4. Platz, 30. Dt. Kurzgeschichtenwettbewerb

Gottheiner:Bei den Pflanzenessern

Schon seit zwei Tagen sitzt auf Kessels Wörterbuch unbeweglich ein Motten- oder falterähnliches Insekt, etwa daumenlang, grün in braun changierend, dessen Deckflügel mit peinlicher Exaktheit, von ihrer Form und Farbe bis hin zur Oberflächen- und Rippenstruktur, das Aussehen eines Kaki-Blattes nachahmen. Und zwar so erfolgreich, dass auch wir uns haben täuschen lassen und im ersten Moment glaubten, da sei eben ein Blatt aus dem Garten hereingeweht und müsse bloß wieder herausgekehrt werden. Erst als wir den gutgepanzerten Kopf und die fadendünnen, sich angesichts der drohenden Gefahr totenstarr stellenden Fühler entdeckten, wurde uns unser Irrtum bewusst, und wir bewunderten mit Respekt den Aufwand an kunstvoller Mimikry, den das Tier im Lauf der Evolution entwickelt hatte. Natürlich dachten wir auch sofort an unsere Zeit in Moriana und an unseren Besuch bei den dortigen Pflanzenessern.

Die Geschichte der Nahrungstabus und ihres Gegenteils, der Speisegebote, wäre einmal eine eigene Enzyklopädie wert. Vor langer Zeit verirrten wir uns in einer flämischen oder brabantiner Kleinstadt in ein Lokal mit dem Namen „Zum Pferd“, dessen Wände über und über mit Fotos, Zeichnungen und Aquarellen behängt waren, aus denen des Menschen zweitliebste Gefährten den Gästen mit traurigen Augen beim Essen zusahen – beim Essen von Pferdeschnitzel, Pferdegulasch und so weiter, versteht sich, beinahe wie in der Monty-Python-Szene im Fischrestaurant, in der ein Aquariumbewohner zum anderen sagt: „They’re eating Howard.“ Keine wirkliche Tabuverletzung, muss man sagen, höchstens eine in anderen Regionen außer Gebrauch gekommene Kulturtechnik, so wie Knochenläsionen und Trepanationen an Steinzeitskeletten nahelegen, das Sicheinverleiben von Hirn und Mark Verstorbener sei unter unseren Vorfahren de rigeur gewesen. In manchen Ländern gelten bekanntlich Hunde als besondere Delikatesse, in anderen alles, was sechs Beine hat, während die Vorstellung, rohe Salatblätter zu verzehren, dort puren Horror auslöst. Für die Entrecôtes, Rostbratwürste und Cevapcici aus dem 3D-Drucker, die schon bald unsere Speisekarten bestimmen werden, müssen die Hausordnungen der Gefühle erst noch geschrieben werden. 

Damit ist noch nichts gesagt über die wirklich strafbewehrten Tabus, diejenigen, die von der Religion aufgerichtet werden und deren Verletzung im Zweifelsfall tödliche Folgen haben kann. In Moriana traf das auf alle nicht-tierische Nahrung zu. Selbst das Wort „Pflanze“ wurde im Gespräch vermieden, Wörter wie „Salat“ oder „Gemüse“ in den Mund zu nehmen, wäre gleichbedeutend mit dem Verzehr der Sache selbst gewesen und hätte ungeahnte Konsequenzen nach sich gezogen. Das morianische Wort für „Ausländer“ bedeutete wörtlich übersetzt „Esser von Verbotenem“, und als die UNO das Verbraucherministerium dazu aufforderte, einen Delegierten oder eine Delegierte zur internationalen Antiproteinkonferenz zu entsenden, hätte das beinahe eine schwere diplomatische Krise heraufbeschworen. 

Natürlich fehlte es in Moriana nicht an Versuchen, das Verbot vegetarischer Speisen zu rationalisieren und ein unverständlich gewordenes Gesetz, ehe jemand auch nur auf den Gedanken kam, es in Frage zu stellen, mit neuen, angeblich zeitgemäßen Argumenten zu untermauern. Aktiver Naturschutz sei es, was man hier betreibe, ein Beitrag zur Rettung des Planeten; das einzige, was den Klimawandel noch aufhalten und schädliches CO2 der Atmosphäre entziehen könne, dürfe doch nicht auf dem Teller landen! Dass die Tiere, von denen man lebte, nach wie vor von Pflanzen lebten oder von anderen Tieren, die ihrerseits von Pflanzen lebten, wurde großzügig übersehen; ebenso, dass es bei strenger Auslegung des Pflanzenschutzgebots keine Holzmöbel, Weidenkörbe und Baumwollhemden hätte geben dürfen. Statt dessen traten Traditionalisten auf den Plan und beschworen den Untergang der Zivilisation und des Tourismus herauf, wollte man von den hergebrachten Essgewohnheiten abweichen, Esoteriker erzählten etwas von der Pflanzenseele im Gegensatz zum bloß mechanisch reagierenden vegetativen Nervensystem der Vier-, Sechs- und Achtbeiner, Hirnforscher und Philosophen untersuchten das Pflanzenbewusstsein und den Ich-Begriff beim gemeinen Bilsenkraut, Juristen forderten einen neuen Codex der Pflanzenrechte, Verfassungsrechtler eine Vertretung des Feld-, Wald- und Wiesenbewuchses in der Nationalversammlung. Sprecher der Pilze machten sich lautstark Sorgen, deren Sonderstatus in der Natur könne gegen sie verwendet werden. 

Aber so wie man sich in Ländern mit Alkoholverbot sicher sein kann, dass sich Alkohol irgendwo, irgendwie beschaffen lässt, sofern man nur über das nötige Kleingeld verfügt, von illegalen Drogen ganz zu schweigen, so waren wir nicht besonders überrascht, als uns unser Freund Dr. Entomu mit vor Vergnügen blitzenden Augen und unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit von einem Lokal in einer Seitengasse der Altstadt erzählte, das zwar – natürlich – keinen Namen hatte, aber unter Kennern nur als „die Pflanzenesser“ bekannt war. Ob wir Lust hätten, ihn dorthin zu begleiten? Wir, der eintönigen Kost schon lange überdrüssig (und wäre eine ablehnende Antwort denn überhaupt denkbar gewesen?), hatten.

Es war etwa so wie von Dr. Entomu beschrieben. Das Restaurant hatte keinen Namen und daher auch kein Schild über dem schmalen offenen Eingang, dessen Schwärze uns Eintretende verschluckte wie ein Schlund. Kaum beleuchtet war auch die enge steinerne Treppe, die ins Souterrain führte. Jetzt erst wurde uns das Konspirative, potentiell höchst Gefährliche dieses Restaurantbesuchs wirklich bewusst, und ich muss gestehen, dass wir uns einige Augenblicke lang des Gedankens nicht erwehren konnten, unser Führer und Verführer Dr. Entomu sei womöglich ein Agent provocateur der staatlichen Nahrungsmittelpolizei, und unten warte schon jemand auf uns mit gezückten Handschellen. Doch es gab kein Zurück mehr, und sobald uns die warme, freundliche und sehr intime Atmosphäre des Gästeraums empfing, wo unter uralten Gewölben (es handele sich um einen früheren Eiskeller, erläuterte Entomu) die Besucher dichtgedrängt an langen Holztischen saßen und angeregt ihre Erfahrungen austauschten, waren unsere Zweifel und Bedenken verflogen. 

Und in der Tat, wir wurden nicht enttäuscht. Dr. Entomus Empfehlung folgend, orderten wir Menü C, das uns zu Beginn mit feinen fremden Früchten überraschte, deren dünne, zartknusprig gebratene Haut seltsame Ringe und Streifen aufwies und die sich oft nach hinten leicht gekrümmt zuspitzten wie zu einem Stachel. Es folgten köstlich frische Salate in uns noch ganz unbekannten Geschmacksabstufungen, dann schwarze, mit feinen Härchen besetzte Stengel, weichgekocht, und Pilze mit Kreisornamenten, wobei unser kleiner spitzfindiger Disput mit Dr. Entomu, ob Pilze im kulinarischen Zusammenhang als Pflanzen zu bewerten seien, nicht wirklich ernstgemeint war (bekanntlich ist ihr Stoffwechsel dem der Tiere ähnlicher als dem von Gräsern, Moosen oder Mammutbäumen). Und es gab herrliche Desserts, Wackelpuddingen ähnlich, meist weiß und durchsichtig, manchmal ins Grüne gehend oder feuerrot, die zart auf der Zunge dahinschmolzen.

Einzig wunderte uns dabei das Tun der anderen Pflanzenesser, allesamt mutmaßliche Habitués dieses Restaurants, die eine Gemeinschaft mit strengen Verhaltensregeln zu bilden schienen. So war es offenbar unumgänglich, einander laut und verzückt die Vorzüge der Speise zu rühmen, die man gerade verzehrte, also etwa dass man eben einen wunderbar leicht ins Bittere gehenden Pilz auf der Zunge habe oder gerade in eine an Frische und Geschmackstiefe alles hinter sich lassende Gurke gebissen habe, wobei es viel mehr auf die Mitteilung anzukommen schien, dass es sich wirklich um einen Pilz und eine Gurke handelte, als auf ihre tatsächlichen und viel aufregenderen Geschmackseigenschaften. Doch auch uns löste das Erlebte die gerade beispiellos verwöhnte Zunge. Überzeugt, dass Fleisch und Fisch nie diese Fülle von Duft, Geschmack und Zartheit vorweisen könnten wie das, was wir eben gegessen hatten, erklärten wir gegenüber Dr. Entomu freudestrahlend unsere Absicht, bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit, sollte es uns eine andere, neue Umgebung gestatten, Vegetarier, ach was, Veganer zu werden. 

Kaum hatten wir die Worte ausgesprochen, als es im ganzen Raum schlagartig still wurde. Zahllose Augenpaare sahen uns erschrocken an. Zwar war unsere Bemerkung nur für Dr. Entomu bestimmt und wir uns sicher gewesen, dass bei dem im Raum herrschenden Geräuschpegel nicht einmal die Tischnachbarn etwas von unserem Gespräch mitbekommen würden. Aber vielleicht hatte uns die Begeisterung ja eine Spur zu laut werden lassen, oder das Wort „Veganer“ hatte in diesem Land die Eigenschaft, wie ein Skalpell Luft, Lärm und die größte Menschenmenge zu durchschneiden und in einem Umkreis von Dutzenden von Metern bei allen, die nicht völlig taub waren, einen Nerv zu treffen. Ebenfalls erschrocken, sahen wir Dr. Entomu an, der plötzlich überaus ernst geworden war, rasch und mit einer Bewegung, als wolle er Staub von den Schößen eines nicht vorhandenen Gehrocks abklopfen, von seinem Sitz aufstand und mit Bestimmtheit sagte: „Gehen wir.“ Uns blieb nichts anderes übrig, als seiner Aufforderung zu folgen, ohne verstanden zu haben, was hier eigentlich vorging; nicht einmal unsere Rechnung ließ er uns begleichen, sondern signalisierte dem Wirt bloß mit einer Geste, er lasse anschreiben. 

Eine Ahnung von dem, was geschehen war, bekamen wir erst, nachdem wir einige Zeit später Moriana wieder verlassen und unsere beantragten Aushilfslehrerstellen am Italo-Calvino-Institut in Eufemia angetreten hatten. In einem unserer Kurse saß eine distinguierte, schon etwas ältere Dame mit sehr langem, für uns nicht ganz leicht auszusprechendem Namen, etwas mit „Paramita“ am Ende. Wir nahmen an, dass ihr vermutlich schon länger pensionierter Ehemann aus dem Gröbsten heraus war und sie jetzt mehr Freiheit hatte, sich in Fremdsprachen und dergleichen weiterzubilden. Einige Male kamen wir nach den Unterrichtsstunden ins Gespräch, und als wir erwähnten, dass wir zuvor einige Zeit in Moriana gelebt hatten, fragte sie spontan, ob sie uns nicht einmal zum Essen einladen könne. Da und da gebe es die beste Ente in der ganzen Stadt, aber auch Schildkrötensuppe, scharfgebratene Hühnerwürfel und Meeresfrüchte bekomme man dort in ausgezeichneter Qualität. Wir sahen uns erstaunt an, denn in der profund buddhistisch geprägten Gesellschaft von Eufemia wurde das Gebot des Vegetarismus gewöhnlich strikt eingehalten; wir hatten bis dahin noch nie von jemandem gehört, der es gewagt hätte, ihm zuwiderzuhandeln und damit nicht nur soziale Ächtung, sondern auch schmerzhafte Bestrafung zu riskieren. Noch erstaunter waren wir, als wir uns am verabredeten Tag am verabredeten Ort einfanden und feststellten, dass „da und da“ mitnichten ein dunkles Kellerloch in einem versteckten Winkel der Stadt war wie die „Pflanzenesser“ von Moriana, sondern ein luxuriöses Etablissement in einer belebten Einkaufsstraße neben Marken wie Gucci und Bottega Veneta. Madame Paramita hatte uns vor dem Eingang erwartet und führte uns hinein – nicht etwa gleich zum Tisch, nein, „Sie müssen die Küche sehen“, sagte sie und zog uns durch viele lange von Speisenden gesäumte Gänge und an noch mehr Separees entlang, durch deren halboffene Schiebetüren wir manchmal einen Blick auf große Familienfeste oder klandestine Zusammenkünfte ernst blickender Militärs werfen konnten, bis ganz am Ende des labyrinthartigen Gourmetpalastes eine Metalltür aufsprang, eine dichte weiße Dampfwolke uns entgegenquoll und sich aus dem Dampf ein stämmiger Sechzigjähriger mit Dreitage-Stoppelfrisur und einer weißen Schürze über dem dunkelblauen Rockhosenkittel schälte, der aussah wie einer dieser gefürchteten Kriegermönche aus dem Mittelalter.

„Das ist Maître Paramita, mein Mann“, stellte Madame Paramita den Chefkoch nicht ohne Stolz vor. 

Von wegen in Rente! dachte ich und fragte: „Und wir dürfen wirklich einen Blick in die Geheimnisse Ihrer Küche werfen, wo die köstliche Ente und all die anderen nichtvegetarischen Delikatessen herkommen?“

„The owls are not what they seem“, zitierte Paramita mit Zenmeistermiene aus der Fernsehserie „Twin Peaks“. 

Wir verstanden. „Aber sie schmecken und sehen aus wie echte Eulen?“ fragte ich. „Auch wenn sie aus Tofu, Weizenprodukten, Algen und wer weiß woraus sonst noch bestehen? Ist das die Kunst Ihrer Küche?“

„Was heißt hier echt, was heißt hier unecht?“ fragte Maître Paramita. „Lassen Sie es mich mit den Worten des Bodhisattva sagen: ‚Leere ist Körper, Körper ist Leere. Leere ist nichts anderes als Körper, Körper nichts anderes als Leere. Ebenso mit allen anderen Erscheinungen.“

Wir schwiegen respektvoll, ja eine Spur eingeschüchtert, so dass Madame Paramita eine Breitseite ihres entwaffnenden Lächelns in unsere Richtung feuerte und sagte: „Hauptsache, Sie haben einen leeren Magen mitgebracht!“ Aber noch lange danach fragten wir uns: Gibt es hinter Körper und Nichtkörper, Fleisch und Nichtfleisch womöglich ein Drittes? Eine Existenzform, in der sich die Gegensätze aufheben? Liegt vielleicht alles nur im Auge des Feinschmeckers, auf der Zunge des Betrachters, im Magen des Hungrigen, im Bewusstsein des Satten?

 

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